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| LOKALMELDUNGEN - NÜRNBERG |
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| Tod, Trauer und Ämterkram |
Per Ballon in die Ewigkeit |
| Per Ballon in die Ewigkeit |
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Die Tage werden immer trüber, das Laub fällt, Moderduft steigt in die Nase, und die Gedanken an die Vergänglichkeit allen Lebens werden immer penetranter. Was aber tun, wenn der Tod anklopft? Die Evangelische Stadtakademie, die Hospizakademie und die Trauerhilfe Stier bieten Vorträge zum Trauerfall an.
Ratlose trauernde Angehörige ist der Bestatter Olaf Stier gewohnt. Dieser Anruf verblüffte allerdings selbst ihn: «Ein Mann hatte ein Haus gekauft. Als er das Mobiliar ausräumte, stieß er auf eine Urne mit der Asche der Mutter des Vorbesitzers. Nun wusste er nicht, wohin damit. Schließlich herrscht in Deutschland Bestattungszwang.»
Ratlosigkeit herrscht aber auch oft genug beim normalen Todesfall. Rechte, Pflichten und Fristen gilt es wahrzunehmen. «Die erste Pflicht: Nach dem Ableben muss sofort ein Arzt benachrichtigt werden, der den Totenschein ausstellt. Da die meisten Menschen im Krankenhaus sterben, kümmert sich die Stationsleitung darum. Ist der Tote zu Hause gestorben, muss dies die Familie leisten.»
Laut Gesetz muss der Tote 96 Stunden nach Feststellung des Todes unter die Erde kommen. Nicht gerechnet Wochenende und Feiertage. Eine Nürnberger Finesse im Bestattungsgesetz sieht vor, dass der Verstorbene 24 Stunden vor der Bestattung zum Friedhof gebracht wird.
Zu welchem Friedhof eigentlich? Allein schon diese Frage überfordert manch Angehörige. Dann geht es um die Auswahl des Sarges, um Dekoration, Blumen, Anzeigen, die Art der Musikbegleitung (live oder von der CD) und welche Musik überhaupt gewünscht wird. Ist Erd- oder Feuerbestattung vorgesehen? Einzel- oder Familiengrab? Sammelgruft, Kolumbarium oder Urnenwand?
Fragen über Fragen, die über die Angehörigen hereinprasseln. Zur Bestattung verpflichtet sind in der Regel die Angehörigen in der Reihenfolge des Erbgesetzes: Also erst die Ehegatten, dann Kinder, Eltern, schließlich die Geschwister. Wem die Sache zuviel wird, kann aber auch einen Totenfürsorgeberechtigten wählen. Der kümmert sich um all die Formalitäten, hat dann aber gegenüber den Erben auch Anspruch auf Erstattung der Kosten.
Denn auch dies gehört zum Ämterkram: den Verstorbenen beim Standesamt abmelden; Renten- und Krankenkasse benachrichtigen, Wohnung auflösen, Telefon stilllegen und der Gebühreneinzugszentrale Bescheid geben.
Wer schon bei der Wahl des Friedhofs überfordert ist, kapituliert vor der Fülle an Entscheidungen erst recht. Am Ende hört der Bestatter: «Machen Sie es halt so, wie man es halt macht!» - «Und damit bleibt die Individualität auf der Strecke», bemerkt Olaf Stier.
Entscheidend ist, ob man sich beizeiten mit den Formalitäten auseinandersetzen will. «Das ist eine Frage des Alters», meint Olaf Stier. «Oft sind es die 60-jährigen Kinder, die ihre 90-jährigen Eltern darauf ansprechen.»
Immerhin: Wo ein Grab ist, ist ein Ort zum Trauern. Doch viele neuere Bestattungsformen klammern eben dies aus. Ein Urnengrab im Friedwald spricht Romantiker und Fans von Caspar David Friedrich an. Allerdings wird im Friedwald (der rechtlich gesehen ein Friedhof ist) keinerlei Grabschmuck geduldet. Und die Anfahrt ist weit: der nächste Friedwald liegt auf dem Schwanberg bei Iphofen. Inzwischen haben der Südfriedhof und soeben der Reichelsdorfer Friedhof Friedwald-Abteilungen eingeführt. Dem will sich nächstes Jahr der Westfriedhof anschließen.
In Deutschland herrscht außerdem Urnenzwang: die Asche darf nicht einfach ausgestreut, sondern muss in einer (biologisch abbaubaren) Urne beigesetzt werden. Umgehungsmöglichkeiten bietet das Ausland: Ein Unternehmen im badischen Rastatt bietet Ballonfahrten ins Elsass an. Sobald der Wind günstig steht, fährt der Ballon nach Frankreich, und dort wird die Asche in alle Winde verstreut. Ein Unternehmen in der Schweiz bietet auch Bestattungen unter einem Felsen an, oder das Ausstreuen der Asche in einen Bach.
Weltraumfans können sich auch auf die ganz große Reise begeben: Entweder per «Earthview», wobei der Satellit mit einer Aschenkapsel die Erde umkreist, bis er als Sternschnuppe verglüht; oder per «Lunar Service», samt finaler Mondlandung; oder per «Voyager Service» in die Tiefen des Universums fliegen. Die Angehörigen erhalten eine Einladung zum Raketenabschuss und können ein Video vom Start mit nach Hause nehmen. 11- bis 25 000 Euro muss man allerdings schon investieren.
Manch einer mag seine Schwiegermutter liebend gern zum Mond schießen. Andere können sich von ihren Toten nicht trennen. Seit einigen Jahren ist die Umwandlung der Asche in künstliche Diamanten unter Hitze und Hochdruck in Mode. «Dabei muss man bedenken: Die Asche eines Erwachsenen wiegt drei bis vier Kilo», erläutert Olaf Stier. «Verwendet werden aber nur 300 bis 400 Gramm. Wo kommt der Rest hin?»
Der Bestatter hält vier Musterdiamanten aus Glas zur Anschauung bereit. So einen kleinen Diamanten kann man bequem auf der Spitze des kleinen Fingers balancieren. Man kann ihn in einen Ring fassen oder an der Halskette tragen. Und das könnte mein Vater sein? Meine Frau? Mein Kind? Eine Vorstellung, die nicht in den Kopf will.
Entscheidend ist dies: Trauer ist ein Prozess der Ablösung. Das kann lange dauern. Aber nicht ewig. Wer aber die Urne mit der Asche seiner Mutter bei sich zu Hause aufbewahrt, will und kann gar nicht mehr loslassen. Dasselbe trifft auch für menschliche Diamanten zu. Deshalb ist die Urne zu Hause nicht die Endstation, sondern letztlich nur ein Zwischenstopp. In diesem Spannungsfeld zwischen Auflösung und Festhalten bewegt sich der Bestatter.
Und wie ist die Geschichte mit dem Mann und der Urne ausgegangen? Das weiß selbst Olaf Stier nicht.
«Von den Alpen bis zum Mond» - Vortrag im Haus eckstein am 10. November um 19 Uhr.
Reinhard Kalb |
| 4.11.2008 |
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