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Bloße Betonspargel in der idyllischen Landschaft oder unverzichtbares Heilmittel gegen den Klimaschock? Selten hat ein Thema die Menschen in der Fränkischen Schweiz so bewegt wie der Plan, im Dreieck Leutenbach-Obertrubach-Gräfenberg neun neue Windkraftanlagen zu bauen. Eine Fahrt zu Gegnern, Befürwortern und einem hübschen Fleck Heimat, der so viel Aufmerksamkeit noch nie hatte.
SEIDMAR - Helmut Pfefferle reist derzeit viel durch den Landkreis. Ob beim Fränkische-Schweiz-Verein Gräfenberg oder vor dem Gemeinderat Egloffstein: Der 56-Jährige hat einen missionarischen Eifer entwickelt, wenn es darum geht, seine Argumente gegen den Windradbau unters Volk zu bringen. «14, 15 Vorträge» habe er bereits gehalten. Freilich muss er meist nicht mit viel Widerspruch rechnen. Gegen die Pläne, in den Wäldern «Flöß» und «Buchwald» - beide auf dem Gebiet der Stadt Gräfenberg - Windräder zu bauen, hat sich breiter Widerstand aufgebaut. Er reicht von Mitgliedern des Bund Naturschutz über Gemeinden, dem Fränkische-Schweiz-Verein, der Kreis-CSU bis hin zu Landrat Reinhardt Glauber und den beiden Landtagsabgeordneten Thorsten Glauber (FW) und Eduard Nöth (CSU).
Das macht Pfefferle Hoffnung. Ruhiger macht es ihn nicht. Vor sich ausgebreitet liegen Bündel von Material, Berechnungen, Kurven, Lagebilder. «Fotosimulationen empfiehlt auch Greenpeace», sagt er und holt sich prominenten Beistand für die nicht unumstrittenen Fotomontagen, die die künftigen Windräder in der fränkischen Landschaft zeigen sollen.
Derzeit Privatsache
Die Dimensionen sind beeindruckend: 178 Meter hoch sollen die Windräder werden, geplant von der Firma Uhl aus dem schwäbischen Ellwangen. Die Bayerischen Staatsforsten haben mit Uhl einen «Standortsicherungsvertrag». Der heißt erst einmal gar nichts, nur so viel: Wenn einer für die Staatsforsten Windräder in den beiden Gebieten baut, dann Uhl. Dafür muss die Firma die Planungen betreiben, etwa einen Antrag beim zuständigen Landratsamt Forchheim einreichen. Bisher liegt der aber gar nicht vor (siehe Zur Sache).
Dennoch hat dieser rein private Vertrag eine Welle des Widerstandes ausgelöst. «Sie werden in jedem Dorf jemanden finden, der sich dagegen engagiert», sagt Pfefferle. «Zu uns wird gesagt: Macht weiter, kämpft!» Eine richtige Bürgerinitiative ist entstanden. Dass er selbst in seinem Wohnort Seidmar und mit seinen Ferienwohnungen von einem Windradbau vor der Haustür betroffen wäre, diesen Vorwurf wischt er vom Tisch: «Das ist nicht der Grund.»
Man glaubt es ihm. Pfefferle, der vor vier Jahren nach Seidmar gezogen ist, geht es wie den meisten um eines: Um den Erhalt einer möglichst unverbauten Fränkischen Schweiz.
Idylle in Gefahr?
Pfefferle hat Angst. Angst, die Idylle zu verlieren. «Der Begriff Naturpark bröckelt. Wir haben doch keine Alternative zum Tourismus. Heute baut man Windräder, morgen vielleicht eine Mülldeponie.» Gegen Energie aus Wind habe er nichts. Aber nicht hier. «Der Trend geht doch längst zu Off-Shore-Anlagen im Meer.»
Ein paar Kilometer weiter in Gräfenberg wohnt Hans-Jürgen Nekolla, Gräfenbergs 2. Bürgermeister und Kreisrat der SPD. Beharrlich tritt Nekolla für eine differenzierte Linie ein: Wenn Windräder auf den zwei im Regionalplan vorgesehenen Vorbehaltsflächen bei Lilling und Kasberg (wo bekanntlich eines steht) gebaut werden, sei das viel schlimmer als «drei oder vier im Buchwald». In der Flöß könne sich die SPD dagegen keine Windräder vorstellen. Nach Nekollas Meinung würden die Auswirkungen von Windkraftanlagen (siehe Interview) dramatisiert: «Der Vorwurf eines stundenlangen Schattenwurfes ist überzogen. Das sind in Kasberg vielleicht mal zehn Minuten.»
Der Gräfenberger verweist auf höhere Ziele. «Wenn wir die ehrgeizigen Klimaziele der Bundesregierung erfüllen wollen, dann müssen wir auf alle Möglichkeiten der regenerativen Energien zurückgreifen.» Das heißt für ihn aber nicht, dass man 18 Windräder auf neuen und alten Vorbehaltsflächen aufstellt. «Das wollen auch die eifrigsten Befürworter nicht.»
Einer von ihnen ist Karl Waldmann. Der Kreisrat der Grünen wohnt weit weg vom Ort des Geschehens, auf der anderen Seite des Landkreises, in Heroldsbach. Gerne würde er ganz auf Windenergie verzichten, aber: «Ich bin überzeugt: Das geht nicht. Wir kommen nicht drumherum.» Wo die Windradgegner schon mal abfällig von den «Malediven-Schützern» sprechen, appelliert Waldmann: «Die Klimakatastrophe würde tatsächlich vor allem Afrika und Asien treffen.»
Und deswegen komme man um «große Lösungen» wie ein Windrad, das den Strom für rund 900 Haushalte jährlich produziert, nicht herum. Die Fränkische Schweiz schützen? Waldmann hält dagegen: «Wenn die Leute die Fränkische schützen wollen, dann müssen sie für regenerative Energien sein.» Der Klimawandel werde das Gesicht der Fränkischen Schweiz massiv verändern. «Das haben nur noch nicht alle verstanden.»
«Dort, wo es nicht stört»
Zurück in Gräfenberg. Als ob Bürgermeister Werner Wolf nicht mit den Neonazis schon genug Ärger hat. Wolf seufzt, angesprochen auf die Windräder, und gesteht ein «flaues Gefühl». Wie Pfefferle plädiert er für Windkraft, aber eher im Meer. «Dort, wo es nicht stört, ist es schön und gut.» Auch er führt die negative Wirkung auf die Landschaft ins Feld. «Gräfenberg lebt vom Tagestourismus.»
Der Schwarze Peter liegt derweil bei den Staatsforsten. Seit der Forstreform entdecken diese neue Geschäftsfelder wie die Windenergie. 130 Stadtorte werden bayernweit geprüft. Gut möglich, dass der regierungsnahe Forstbetrieb aber einem politischen Wink aus München folgt. Landwirtschaftminister Helmut Brunner ließ bereits wissen, dass Windkraftanlagen nur dann genehmigt werden sollen, wenn sie vor Ort akzeptiert werden.
Georg Körfgen |