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NÜRNBERG - Manchmal können lange Abende tatsächlich lang werden. Auf Mitternacht musste sich schon einstellen, wer zum offiziellen Startschuss des vierten, alle zwei Jahre ausgerichteten Erzählfests in die ausverkaufte Tafelhalle kam. Dort präsentieren sich auf der nackten Bühne so skurrile Genre-Vertreter wie das Duo Mehmet Dalkiliç und Helmut Wittman, das im flotten anatolisch-oberösterreichischen Zwiegespräch mit Gestik und Comedy-Anleihen Anekdoten aus dem Fundus des gewitzten orientalischen Weisen Nasreddin Hodscha zum Besten gibt. Auch wenn’s da mal zugeht wie auf dem türkischen Basar - verstehen tut man’s trotzdem.
Eher puristisch und humorbereinigt ist dagegen die Erzählweise der ehemaligen Puppenspielerin Annette Wurbs, die im bodenlangen Schwarzen barfuß auftritt. Mord, Totschlag und andere Grausamkeiten sind die Ingredienzien ihres ausgedehnten Andersen-Thrillers vom großen, tumben und vom kleinen, schlauen Klaus, die Extra-Packung Moral darf da natürlich auch nicht fehlen. Den akustischen Regenschauer zur Geschichte stiftet Schlagzeuger Charles Blackledge, der mit den Saxofonisten Achim und Andrea Göttert die Lücken zwischen den Erzähl-Parts mit musikalischen Miniaturen füllt.
Verhalten frivole Bettgeschichten
Ohne leicht angestaubte Moral geht es auch in der länglichen Geschichte nicht, die die Berlinerin Kerstin Otto dem Publikum präsentiert. Das Gute und das Böse, der vermeintlich Schlaue und der Dumme spielen einmal mehr die Hauptrollen. Angereichert ist das sexuelle Erweckungserlebnis eines jungen, einfältigen Schäfers allerdings diesmal mit verhalten frivolen Bettgeschichten
Spitzbübischer Gentleman auf der Bühne
Highlight des Abends ist zweifellos die Englischstunde von Richard Martin, der auch beim Fremdsprachen-und-Mundart-Abend mit von der Partie ist und ein Solo zum Festival beisteuert. Martin lebt zwar schon seit über 30 Jahren in Deutschland, doch wenn er wie bei seinem Solo-Abend auf die Bühne steigt, eine Kerze anzündet und beginnt, in seinem reichhaltigen Geschichtenschatz zu wühlen, dann ist großes Kopfkino im Kleinkunstformat angesagt. Einzige Voraussetzung: Man muss Englisch können. Schulkenntnisse genügen, um problemlos mitzukommen – schwierige Fachbegriffe erklärt der spitzbübische Gentleman auf der Bühne ohnehin mit einer ureigenen Lockerheit, bei der keiner außen vor bleibt.
Ob historischer Stoff von King Arthur, skurrile Märchen oder auch nur ein erzählter Witz - der weltgereiste Erzähler ist eine Schau. Keck zuckt die Nasenspitze, die Augen funkeln, die Augenbraue bleibt in ständiger Bewegung. Richard Martin ist auch Schauspieler genug, um seine «Tales« mit der nötigen Mimik zu würzen. Messerscharf werden hier die Worte und Pausen gesetzt. Der Humor ist urbritisch, die Zeit verfliegt wie im Nu, man ist verzaubert. Well done!
Abwechslung wird groß geschrieben
Einen derartigen Geschichten-Großmeister hat der zweite «Lange Erzählabend« in der gutbesuchten Tafelhalle nicht aufzubieten. Unter dem Motto «GeschichtenZeit« wird Abwechslung groß geschrieben, wenn Erzählerinnen und Erzähler aus ganz Deutschland und darüber hinaus im fliegenden Wechsel auspacken. Da switchen die Themen und Formate so fix durch, dass sich Langeweile gar nicht erst breit machen kann.
Kongenial begleitet und untermalt von Hilde Pohl am Piano und Georg Karger am Bass taucht das Publikum ganz tief ab in die Welt der Märchen und Mythen, die sich manchmal auch nur als simple Alltagsgeschichten entpuppen. Die Bandbreite reicht von ein wenig spröden Betthupferln (Cordula Gerndt) hin zu philosophischen Parabeln aus dem Morgenland (Ute Weidinger), nicht nur die Präsentationsform des Bochumer Schauspielers Peter Glass macht deutlich, wie fließend auch hier die Grenzen zum Kabarett sind.
bin/gnad |