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«Fleckenteufel»-Autor Heinz Strunk im Interview

Die männliche Antwort auf Charlotte Roches «Feuchtgebiete»
 «Fleckenteufel»-Autor Heinz Strunk im Interview
Heinz Strunk
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Heinz Strunk (46), eigentlich Mathias Halfpape, gilt als eine der eigenwilligsten Stimmen seiner Generation. Sein Debütroman «Fleisch ist mein Gemüse» verkaufte sich 400.000 Mal und wurde für Leinwand und Bühne adaptiert. Sein neuer Coup heißt «Fleckenteufel» und liest sich wie die männliche Antwort auf Charlotte Roches «Feuchtgebiete». Strunk beschreibt brüllend komisch und ohne Tabus die Vorkommnisse bei einer evangelischen Jugendfreizeit im Ostseebad Scharbeutz aus der Sicht eines 16-Jährigen.

Im Leben Ihres Romanhelden Thorsten Bruhn spielen Selbstbefriedigung, homoerotische Fantasien und Verdauungsprobleme eine zentrale Rolle. Verstehen Sie Ihr Buch als Satire oder sind Ähnlichkeiten mit realen Personen und Handlungen beabsichtigt?

Heinz Strunk:
Ich schöpfe auch in diesem Fall wieder aus meiner eigenen Biografie. Die beschriebene Episode liegt ja schon über 30 Jahre zurück und ich musste mir schon Mühe geben, mich daran zu erinnern. Ich glaube auch, dass viele Jungs zwischen 12 und 16 zwar wissen, dass sie nicht schwul, aber in ihrer Sexualität noch indifferent sind. In dem Alter ist man noch nicht explizit männlich, sondern eher androgyn. Meine Begehrlichkeiten schwankten damals durchaus hin und her.

Beim Liederabend mit Christenschlagern hat Thorsten ein Schlüsselerlebnis: Es ist für ihn, als hielte die Liebe Einzug auf Erden. Hat die Begegnung mit der Kirche bei Ihnen als Teenager Ähnliches bewirkt?

Strunk:
Ich selbst hatte bei christlichen Jugendfreizeiten ganz intensive Lagerfeuer-Erlebnisse. Das war, als säße plötzlich Jesus mit in der Runde. Das hat in meiner Biografie einen Wert und deshalb wollte ich es in dem Buch unbedingt drin haben. Die Gemeinden, in denen ich war, haben Nächstenliebe und Mitmenschlichkeit ernst genommen.

War die Arbeit an dem Buch für Sie ein kathartisches Erlebnis?

Strunk:
Nee. Aber es ist mir sehr leicht von der Hand gegangen. Ich hatte anfangs befürchtet, ich müsste mich daran wieder so lange rumquälen wie an der «Zunge Europas». Es war eine schöne Erfahrung, eine Lebensphase, die ich immer als langweilig und trüb empfunden habe, jetzt aufarbeiten zu können. Die Auseinandersetzung mit der eigenen Persönlichkeit finde ich sehr attraktiv. Dabei möchte ich etwas schaffen, das universellen Kriterien gehorcht. Sexualität und Selbstfindung sind ja nicht den Zeitläuften verhaftet.

Geht es Ihnen um die Befreiung des Körpers von seinen Begrenzungen?

Strunk:
Ich mache regelmäßig Heilfasten in der strengsten Form und trinke dabei nur Wasser. Das habe ich schon mal über 30 Tage getan. Nach 15 Tagen stellt sich eine völlige Befreiung von körperlichen Zwängen ein. Ich habe Sexualität häufig als lästig empfunden. Als Mann will man gelegentlich auch mal abschalten. Das ist ein sehr angenehmer Zustand. Man muss auch nicht mehr auf Toilette.

Ist das Abseitige das eigentlich Durchschnittliche?

Strunk:
Vieles, was gemeinhin als abseitig empfunden wird, ist für mich relativ normal. Ich halte nichts von falschen Tabus und Begrenzungen. Meine Parameter sind Selbstbestimmung, Souveränität und Freiheit. Deswegen lebe ich auch allein. Das heißt aber nicht, dass ich schlechte Manieren habe. Im Gegenteil. Für mich selber finde ich das Bild des Gentleman sehr erstrebenswert.

Unser Sexleben ist überwiegend auf Spaß ausgerichtet. Sind Kinder für Sie keine Option?

Strunk:
Das will ich nicht. Ich kann mir nicht vorstellen, ein Kind jeden Tag zur Schule zu bringen. Nie in meinem Leben habe ich auch nur den geringsten Wunsch verspürt, mich fortzupflanzen. Ich halte es da wie Karl Lagerfeld. Leuten wie mir wird immer Egoismus unterstellt. Ich leiste aber auf meine Art auch etwas für die Gesellschaft. Das, was ich weiterzugeben habe, tue ich in meiner Kunst.

Welche Rolle spielt Gesellschaftskritik in Ihrer Arbeit?

Strunk:
Das ist ein leicht altmodischer 80er-Jahre-Begriff. Ich lasse mich immer wieder über degenerierte Menschen aus, aber Gesellschaftskritik ist nicht mein grundsätzlicher Ansatz. Ich will mit Humor auf Melancholie antworten und sie so überwinden. Ich bin Humorist geworden, weil ich meine eigene Lebensbefindlichkeit ausdrücken wollte, und nicht, weil ich eine Geschäftsidee hatte.

Brauchen wir Bücher wie «Fleckenteufel», um ein bisschen entspannter zu werden, was unsere Sexualität und unser Körperempfinden betrifft?

Strunk:
Was das angeht, bin ich eh ziemlich entspannt. Wenn es jemandem dabei helfen sollte, wäre es natürlich ein super Effekt. Bei «Fleisch ist mein Gemüse» empfanden es viele Leser als befreiend, wie unprätentiös ich über körperliche Sachen schreibe. Wenn ich eine Art Aufgabe in der Literatur habe, dann besteht die wohl darin. Manche sagen, ich könne ekelige Sachen ganz unekelig beschreiben, ohne dass man sich dabei übergeben muss.

Heinz Strunk: Fleckenteufel. Rowohlt Verlag, 220 Seiten, 12 Euro.

Interview: OLAF NEUMANN
24.1.2009
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