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NÜRNBERG - Türkische Infoabende für die Eltern, Deutsch-Förderkurse für die Kinder: Das staatliche Pirckheimer-Gymnasium in der Nürnberger Südstadt beschreitet seit zwei Jahren neue Wege, um die überdurchschnittlich hohe Abbrecherquote unter Schülern mit Migrationshintergrund zu reduzieren.
Einwanderer aus der Türkei bilden laut einer aktuellen Studie das Schlusslicht, was die gelungene Integration in die deutsche Gesellschaft angeht. Bestes Indiz und Ausgangspunkt für alle weiteren Probleme sind die Bildungsdefizite vieler türkischstämmiger Jungen und Mädchen. Obwohl es in Nürnberg Projekte und Programme - von Deutschstunden im Kindergarten bis zum Förderunterricht für Hauptschüler - gibt, die die Ausbildungschancen dieser Jugendlichen verbessern sollen, hinken sie ihren deutschen Altersgenossen oft weit hinterher.
Sprachliche Integration
Auch im Pirckheimer-Gymnasium in der Südstadt hat man sich Gedanken gemacht, wie man Kinder mit Migrationshintergrund - und hier besonders türkische Kinder - besser fördern kann. Denn auch für die vergleichsweise wenigen, die es auf eine weiterführende Schule schaffen, sieht es kaum rosig aus, weiß Konrad Brandmüller: «Wir führen zwar keine Statistik nach Herkunft, aber der Migrantenanteil an den Abiturienten dürfte bei rund fünf Prozent liegen», schätzt der Oberstudienrat.
Dabei, so Schulleiter Wilfried Büttner, liegt der Migrantenanteil in den 5. Klassen des Gymnasiums im Nürnberger Süden bei etwa 20 Prozent. Um die hohe Abbrecherquote zu senken, haben Büttner und Brandmüller in den vergangenen zwei Jahren ein Förderkonzept entwickelt, mit dem das Pirckheimer seit Anfang dieses Schuljahres als einziges Nürnberger Gymnasium am bayernweiten Schulversuch «KommMIT» teilnimmt. Im Mittelpunkt stehen sprachliche Integration, interkulturelles Lernen und eine bessere Zusammenarbeit zwischen Schule und Eltern.
Türkische Elternabende
Ziele, für die man sich am Pirckheimer eine Reihe von Maßnahmen hat einfallen lassen, berichtet Brandmüller, der «Koordinator für die Förderung von Kindern mit nichtdeutscher Muttersprache» ist. Um die sprachliche Hemmschwelle abzubauen, die viele Familien bislang davon abhielt, in Kontakt mit der Schule zu treten, veranstaltet das Gymnasium in Kooperation mit den ehrenamtlichen Bildungslotsinnen Serpil Dursun und Tülin Uluköylü Infoabende, auf denen die Eltern ihre Fragen und Anliegen auf Türkisch vorbringen dürfen.
Für die Kinder gibt es dagegen - dank Finanzierung durch die Stadt und das Kultusministerium - zunächst Förderunterricht in Deutsch, später auch in Englisch und Geschichte. «Beim Übertritt ans Gymnasium können die Kinder zwar gut Deutsch sprechen», hat Lehrer Brandmüller beobachtet. Doch sie hätten Defizite, was die Schriftsprache angeht, die sich an abstrakten, akademischen Inhalten orientiert, und könnten mit der Zeit nicht mehr mit den andern Kindern mithalten.
Der Grund ist, dass die Eltern oft nicht nur bildungsfern sind, sondern meist auch nur über sehr begrenzte sprachliche Fähigkeiten verfügen - in Deutsch wie in Türkisch - und ihre Kinder so kaum fördern können. «Das ist also kein ethnisches oder kulturelles Problem, sondern sozial bedingt», betont Konrad Brandmüller.
Lehrkraft mit Vorbildfunktion
Die hohe Abbrecherquote, die daraus resultiert, kennt auch Lehramtsstudentin Ebru Akari nur zu gut, die jede Woche am Pickheimer-Gymnasium türkischen, russischen oder vietnamesischen Fünftklässlern Förderstunden in Deutsch erteilt: «Viele meiner Freunde und Bekannten sind auf der Strecke geblieben», erinnert sich Akari an ihre Schulzeit. Die Vorbildfunktion, die die 23-Jährige auf die Kinder in der Fördergruppe ausübt, ist laut Brandmüller Teil des Konzeptes. «Gerade die Migranten-Mädchen sind begeistert und sehr interessiert, wenn ich in den Unterricht komme. Sie sehen, dass sie es auch schaffen können», sagt auch Akari.
Dabei verdankt es Akari im Wesentlichen ihrer Familie, dass sie zu den lediglich 14 Prozent junger Türken in Deutschland gehört, die die Hochschulreife erreichen: «Mein Vater hat studiert und konnte mich und meine Schwester daher in der Schule unterstützen.» Dass sie in einem rein türkischsprachigen Elternhaus aufwuchs und Deutsch erst mit drei Jahren im Kindergarten erlernt hat, sei dagegen nie ein Handicap für sie gewesen.
Auch Brandmüller sieht in der Muttersprache kein Hindernis, im Gegenteil: In den Fördergruppen dürfen die Kinder teils zweisprachig arbeiten und beispielsweise Gedichte aus ihrer Muttersprache ins Deutsche übersetzen. Für türkische Kinder besteht seit kurzem ein sogar ein Bücherfundus mit internationaler und anatolischer Literatur in der Schulbibliothek, den die Bildungslotsinnen spendiert haben. «Wir zeigen den Schülern», so Brandmüller, «dass sie zwar Deutsch lernen müssen, aber wir ihre Herkunftssprache auch respektieren.»
Volkan Altunordu |