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Wenn Zenzi und Maria aus ihrem Leben erzählen

Wunderbare Zeitreise in vergessenes Landleben

 Wunderbare Zeitreise in vergessenes Landleben
Foto: aus dem Buch
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NÜRNBERG - Es gibt Orte, an denen hat das Gestern überlebt. Wenn Zenzi und Maria auf dem Hof stehen und ungezählte Brotlaibe in den gemauerten Ofen schieben, fühlt man sich in eine andere Zeit versetzt und nicht in einen Bauernhof im 21. Jahrhundert. Aber so muss das wohl sein, wenn man zwei alten Frauen beim Brotbacken zusieht, die dafür eine Woche lang mit blanken Armen Teig kneten und auf jeden Laib Brot vor dem Backen ein kleines Kreuz mit dem Finger zeichnen, damit die Leute gesegnet sind, die das Brot kaufen.

Zweimal im Monat backen die beiden Schwestern auf ihrem kleinen Hof im Bayerischen Wald. Sobald das Brot fertig ist, rufen sie ihre Kunden an. Dann kommt auch ein bisschen frischer Wind in das beschauliche Leben der beiden. Seit Jahrzehnten führen die zwei Frauen den Betrieb auf recht eigenwillige Weise. So weigern sie sich etwa Tiere zu schlachten, die Zenzi nimmt jeden Abend ein Bad im eiskalten Brunnen, während Maria davon träumt, gut im Jenseits aufgenommen zu werden. Ehemänner haben in diese Welt nie einen Zugang gefunden. Also sind sie ledig geblieben und darüber etwa 70 Jahre alt geworden.

Es ist eine fremde kleine Welt, die sich die beiden Schwestern im kleinen Solla (Kreis Freyung-Grafenau) erhalten haben. Und so ist es nicht allzu verwunderlich, dass die beiden das Interesse der Ethnologin Christine Zuppinger weckten, als diese einen Zeitungsartikel über die Schwestern gelesen hatte. Auch wenn die Wahl-Berlinerin in der Regel weitere Wege für ihre Studien an Menschen zurücklegt, etwa nach Sizilien. Doch die Begegnung mit den alten Frauen war so prägend, dass sie sie immer wieder besuchte, teilweise auch über Nacht an dem zuweilen mystisch anmutenden Ort blieb und den beiden schließlich ein Buch gewidmet hat.

«Schwalbennester. Zwei ledige Bäuerinnen erzählen« ist ein wunderbar einfühlsamer Band über das Leben von zwei alt gewordenen Frauen, von denen man glatt den Eindruck bekommen könnte, sie wären einfach von der Vergangenheit übriggeblieben, während die Zeit jenseits des kleinen Hofes voranschritt. Zu sehr leben sie in der Vergangenheit. Zu sehr ist die Diskrepanz zwischen den beiden Bäuerinnen und denen da draußen zu spüren, die zwar das Brot kaufen, aber den beiden fremd bleiben.

Dennoch verweigern sie sich der Moderne nicht, fahren im Auto mit oder haben Kunstkurse besucht. Garniert werden diese Ausflüge von Episoden über den Krieg, das harte Leben auf dem Land und von dem Vater, der ein guter Sänger war. Im ständigen Wechsel der Perspektiven führt Christine Zuppinger den Leser ganz nah an diese beiden Unikate einer längst vergessenen Zeit und schafft es mit einer so unmittelbar schlichten Sprache, dass man beinahe das Gefühl hat, selbst auf dieser Holzbank mit einem Huhn auf dem Schoß zu sitzen.

Christine Zuppinger: Schwalbennester. Zwei ledige Bäuerinnen erzählen, Steidl Verlag, 16 Euro.

Irini Paul
18.2.2009
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