«Eine E-Mail von Kant schickt man nicht einfach in den Papierkorb!» – So denkt Romanheld Troller, als ihn mitten in der Nacht eine Botschaft aus dem Internet erreicht. Eine Botschaft von Immanuel Kant? Ein gebildeter Witzbold? Oder ein Mensch, der es ernst meint?
Was aber besagt die E-Mail? «Kant» erklärt sich solidarisch mit dem Wissenschaftsjournalisten Troller, der die Gehirnforschung kritisch beobachtet, und kündigt «praktische Kritik» an. Praktische Kritik bedeutet für den Philosophen: Schluss mit dem Gelaber, jetzt wird gehandelt!
Gleich am nächsten Tag steht Troller der ersten Tat gegenüber. «Kant» hat einem Gehirnforscher dieselbe Behandlung angedeihen lassen, die dieser seinen Versuchstieren zugemutet hatte: nämlich Schädelöffnung und handgreifliche Suche nach den sogenannten Spiegelzellen, die – Ironie des Schicksals – den Menschen zur Empathie befähigen.
Und dieser Hirnforscher bleibt nicht der einzige in einer Reihe von Wissenschaftlern, an denen «Kant» seine «Kritik der mörderischen Vernunft» übt . . .
Ersonnen hat diese Geschichte der Journalist und Autor Jens Johler, der zum Auftakt der «Brain Week» (der alljährlichen Nürnberger Woche des Gehirns) aus seinem Roman obigen Titels im Zeitungscafé las. Und ein gewisses sardonisches Vergnügen an den makabren Einfällen kann man dem Mienenspiel des Autors mit Augenbrauen von diabolischem Zuschnitt wirklich nicht absprechen.
Doch Jens Johler geht es nicht um unappetitliche Details, sondern um ernste Fragen. Nämlich darum, ob der Mensch tatsächlich über ein «Ich» verfügt, das ihm den Willen zur freien Entscheidung lässt und das ethisch, moralisch und (straf)rechtlich handelt und zur Rechenschaft gezogen werden kann. Oder ob der Mensch nur als Marionette an den Drähten der chemisch-physiologischen Vorgänge in seinem Gehirn zappelt.
Letztere These gewinnt in der Hirnforschung immer mehr Anhänger. Konkret würde dies bedeuten, dass in Prozessen um Gewaltkriminalität nicht mehr Richter entscheiden, sondern Ärzte; dass nicht mehr Recht und Unrecht auf der Waage liegen, sondern Gesundheit und Krankheit. Manche Forscher behaupten inzwischen, dass es künftig möglich sei, soziopathische Denkstrukturen frühzeitig zu erkennen und die Betroffenen wegzusperren, noch bevor etwas passiert.
Irreal? Nach dem Amoklauf von Winnenden mit den Debatten über Früherkennung labiler Persönlichkeiten und den an Denunziation grenzenden Aufrufen zur Meldung merkwürdiger Klassenkameraden, ist die Zustimmung zu «Präventivmaßnahmen» nicht mehr ausgeschlossen.
Wem das immer noch wie Zukunftsmusik vorkommt, dem versichert Jens Johler, dass er mit den Kernthesen seines Thrillers («Nicht das Ich entscheidet, sondern das Gehirn») namhafte Hirnforscher wörtlich zitiert. Kurioserweise sind die Fragen über die Umsetzung des Machbaren in Sachen Hirnforschung und ihre ethischen Konsequenzen für die Öffentlichkeit (noch) kein Thema. Johler gesteht denn auch: «Ich wüsste nicht, wie ich dieses Thema anders denn als Thriller hätte behandeln können.» Für die Zukunft wünscht sich Johler ein elftes Gebot: «Du sollst nicht alles wissen!» Außer natürlich: Wer ist der Täter? Reinhard Kalb
Jens Johler: Kritik der mörderischen Vernunft. Ullstein, 500 Seiten, 19,90 Euro. |