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Russische Schokolade gegen ewiges Heimweh

Viele Migranten aus ehemaligen Sowjetstaaten werden selbstständig
 Russische Schokolade gegen ewiges Heimweh
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NÜRNBERG - Nürnberg hat einen überdurchschnittlich hohen Anteil an Migranten. Eine der größten Gruppen sind die Russischsprachigen, die sich vor allem in einem Punkt stark von anderen Migranten unterscheiden: Sie sind überwiegend gut ausgebildet. Doch ihre Abschlüsse werden in Deutschland nicht anerkannt. Die einzige Möglichkeit für sie, Geld zu verdienen, ist oft der Weg in die Selbstständigkeit.

Wer den Laden von Grigorij Izrailevych betritt, taucht ein in eine andere Welt. Bunt ist sie, kitschig und fremd. Kyrillische Beschriftungen prägen das Erscheinungsbild des «Lida«. Doch für den Großteil der Kundschaft ist das Geschäft genau das Gegenteil: ein Stück Heimat in Nürnberg. Es ist ein Stück Ukraine, ein Stück Russland oder Kasachstan. Das kann jeder Kunde für sich entscheiden - je nach dem, aus welchem Land er stammt.

Nicht erfasst

Schätzungsweise 35000 russischsprachige Migranten leben in Nürnberg. Ganz genau kann das niemand sagen, denn die meisten haben einen deutschen Pass oder deutsche Namen.

Sie werden in der Migranten-Statistik nicht erfasst. Sagen kann man aber, dass die Russischsprachigen nach den Türken die zweitgrößte Migrantengruppe in Nürnberg bilden und dass ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung mehr als doppelt so hoch ist wie im Bundesdurchschnitt.

Lange einen Job gesucht

Ein enormer Markt, den Grigorij Izrarilevych erkannt und erfolgreich erschlossen hat. 2002 ist er auf die Idee gekommen, das Lida zu eröffnen. Zuvor hatte er lange einen Job gesucht. Als der Diplom-Ingenieur 1998 aus der Ukraine nach Deutschland kam, wartete niemand auf ihn. Sein Deutsch war schlecht. Er hatte Probleme, seine Familie zu versorgen. Die Selbstständigkeit schien der einzige Ausweg zu sein.

Wie Izrailevych geht es vielen russischsprachigen Migranten. Herbert Gschwandtner vom Wirtschaftsreferat der Stadt Nürnberg beschäftigt sich seit langem mit «ethnischer Ökonomie«, wie es im Beamtendeutsch heißt.

«Kaum Möglichkeiten«

Er hat beobachtet, dass die meisten, die aus der ehemaligen Sowjetunion und den Nachfolgestaaten nach Nürnberg kamen, sehr gut ausgebildet sind. «Der Großteil hat einen Hochschulabschluss. Der wird aber in Deutschland nicht anerkannt und so haben die Migranten hier kaum andere Möglichkeiten, als sich in die Selbstständigkeit zu retten.«

Um ihnen den Einstieg zu erleichtern, hat die Stadt vor zwei Jahren ein Projekt für Ausländische Unternehmen in der Region Nürnberg - Integration und Beschäftigung, kurz ARN-IB, angeboten. Es richtete sich an die zwei größten Migrantengruppen, Türken und Russischsprachige, und sollte vor allem Bestandsaufnahme sein.

Netzwerk persönlicher Kontakte

Gschwandtner erinnert sich: «Wir haben damals eine Moskauerin engagiert, die losgezogen ist und russische Unternehmen gesucht hat. Durch Mundpropaganda und persönliche Kontakte hat sie dann versucht, alle zu erfassen.« Am Ende habe man etwa 400 in Nürnberg gezählt. Meist im Einzelhandel oder im gehobenen Dienstleistungssektor. Reisebüros, Immobilien-Firmen, Unternehmensberatungen.

ARN-IB hatte aber neben der reinen Erfassung auch noch ein anderes Ziel. «Viele russischsprachige Migranten«, sagt Gschwandtner, «haben Angst vor Behörden. Wir mussten also die Hemmschwelle abbauen.«

Es geht - irgendwie

Diese Scheu, Behörden um Hilfe zu bitten, kennt auch Heinrich Trumheller. Er betreibt seit vier Jahren das «Maxi Kauf« in Röthenbach. Auch bei ihm können Migranten aus den ehemaligen Sowjetstaaten ihr Heimweh stillen. Mit russischer Schokolade, ukrainischen Gurken oder polnischem Vodka. Trumheller selbst ist Aussiedler und kam schon 1990 aus dem Nordkaukasus nach Nürnberg.

Auf die Idee, die Behörden zu fragen, ist er nie gekommen. Warum auch? Es ging schließlich auch ohne. Irgendwie.

Grigorij Izrailevych ist der Ansicht, dass die beste Unterstützung die ist, wenn die Behörden einen in Ruhe lassen. Und da kann er sich in Nürnberg nicht beschweren: «Natürlich kamen Lebensmittelkontrollen, aber eigentlich hat die Stadt uns nicht gestört. Und wenn, dann haben sie uns gute Tipps gegeben.«

Das Ehepaar Izrailevych hatte anfangs keine Erfahrung im Einzelhandel und musste sich alles nach und nach aneignen. Wie man Produkte aus der Ukraine importieren kann, wie man russische Unternehmen in Deutschland findet, die Wurst und Milchprodukte herstellen, wie ein Geschäft geführt wird. Viel Arbeit, die viel Zeit beansprucht. Doch die Mühe lohnte sich: Der Laden läuft.

Fuß gefasst in Nürnberg

Izrailevych ist zufrieden mit dem, was er erreicht hat. Stolz sei das falsche Wort, aber er könne jetzt immerhin seine Familie ernähren. Das reicht. Er hat Fuß gefasst in Nürnberg und hat es geschafft, sich in seinem Geschäft ein kleines Stück Heimat, ein bisschen Ukraine, zu bewahren.



Elisabeth Lehmann
31.3.2009
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