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Sogar der Vatikan zeigt Interesse am Islamischen Bankwesen

Koran als Schutz vor der Finanzkrise?

 Koran als Schutz vor der Finanzkrise?



NÜRNBERG/LONDON - In den kleinen Straßenrestaurants an der Londoner Edgware Road sind nicht nur viele Arabisch sprechende Männer zu finden, die dort gern Wasserpfeife rauchen. Auch auffallend viele Frauen sitzen zusammen und stärken sich mit libanesischen Mezzas, Lammfilets vom Grill oder honigsüßen Baklawas als Nachspeise. Gekleidet sind die Frauen oft im islamischen Hijab, den sie hier gern in besonders schicker Art und Weise tragen – etwa in Form von Seidenschals, die das Haar komplett verhüllen und modischen Mänteln, die aus Nobelkaufhäusern wie Harrods oder Harvey Nichols stammen.

Manche der Frauen sind Touristinnen aus den reichen arabischen Golfstaaten, andere sind muslimische Britinnen. Besonders an letztere und ihre Familien richten sich die Angebote der Islamic Bank of Britain, die im Jahr 2004 gegründet wurde und eine ihrer Filialen an der Edgware Road hat. Die Bankfiliale ist ein wenig anders als eine traditionelle Bankfiliale in der europäischen Finanzmetropole London. Auch in der islamischen Bank sind Frauen anzutreffen, die ihr Haar verhüllen. Und am Freitag hat jeder Angestellte die Möglichkeit, zwischen 12.15 und 13.45 Uhr die Arbeit zu unterbrechen und zum Freitagsgebet zu gehen.

Dennoch richtet sich die Bank keineswegs nur an muslimische Kunden. Mit ihrem Angebot «ethischer Investments« will das Geldinstitut auch andere Kunden gewinnen, heißt es auf der Homepage.

Was damit gemeint ist, kann man erahnen, wenn man einem kürzlich in der «Osservatore Romano« erschienenen Artikel Beachtung schenkt. Dass Papst Benedikt XVI. und der gesamte Vatikan seit Monaten auf die «Gier des kapitalistischen Finanzsystems« schimpfen, ist bekannt. Weniger bekannt ist hingegen, dass die offizielle Tageszeitung des Vatikan kürzlich Banker weltweit dazu aufrief, sich bei Bankgeschäften künftig ein Beispiel an den Muslimen zu nehmen. Islamic Banking, so hieß es sinngemäß, könne zu neuen Regeln in der westlichen Finanzwelt beitragen. Denn das momentane Kapitalismus-Modell scheint gescheitert. Im Rahmen des heute Abend beginnenden G-20-Treffens, das sich schwerpunktmäßig der Finanzkrise widmet, lohnt sich ein Blick aufs Islamic Banking.

Das Verbot von Zinsen und Wucherzinsen – eines der heutigen Verbote im Islamic Banking (siehe dazu das nebenstehende Stichwort) – existierte früher auch im christlichen Europa: Päpstliche Erlasse verboten im Mittelalter Zinsen generell. Basis dafür war das Alte Testament, das in Teilen auch Eingang in den Koran fand. Bekanntlich betrachtet der Islam das Judentum und Christentum mit Tora, Altem und Neuem Testament als Vorläufer der eigenen Religion.

Wenn man einen genaueren Blick auf das Islamic Banking werfen möchte, sollte man das Zinsverbot jedoch nicht in den Mittelpunkt stellen. Vielmehr rückt das Verbot von Spekulationsgeschäften im Koran ins Zentrum. Diese aus dem Ruder gelaufenen Spekulationsgeschäfte waren einer der wesentlichen Auslöser der Finanzmarktkrise. Leergeschäfte etwa, wie sie vor der Finanzkrise in besonders großem Umfang getätigt wurden und wie sie jetzt heftig attackiert werden, sind im Islamic Banking gar nicht erlaubt. Denn dort müssen Bankgeschäfte immer mit realen Gütern unterlegt sein. Auf fallende oder steigende Kurse von Wertpapieren, die man gar nicht besitzt, könnte man im Islamic Banking nicht spekulieren. Ebenso wenig wie Spekulationen auf steigende Immobilienpreise möglich gewesen wären – der Auslöser für die Immobilienkrise, die der Finanzkrise vorausging.

Lässt sich daraus die Schlussfolgerung ziehen, dass sich die Finanzkrise hätte verhindern lassen, wenn weltweit nicht nach westlichen Standards, sondern nach den Richtlinien des Islamic Banking gehandelt würde? «In letzter Konsequenz schon,« sagt Daniel Bergmann, Autor des Buches «Islamic Banking« im Gespräch mit der NZ. «Denn die gewaltige Hypothekenblase für US-Immobilien wäre durch konsequentes Islamic Banking nicht möglich gewesen.«

Ganz verschont geblieben von der weltweiten Finanzkrise ist das islamische Bankwesen dennoch nicht, meint der Experte. Denn auch in den islamischen Markt-Indizes DJIM und FTSE, die es seit 1999 gibt, sind westliche Werte wie H&M, Royal Dutch, Swisscom und Nokia enthalten. Die Indizes sind dem US-amerikanischen Dow Jones angeschlossen. Allerdings dürfen die Firmen weder mit Pornografie noch mit Waffen, Alkohol, Zigaretten oder Schweinefleisch handeln. Und – was in Bezug auf die Finanzkrise wichtig ist – eine Überschuldung von Firmen führt zum Ausschluss aus dem Index. WorldCom flog ein Jahr vor dem Zusammenbruch hinaus.

Fakt ist jedenfalls, dass das Islamic Banking weltweiten Auftrieb erlebt. Jährliche Wachstumsraten von 27 Prozent gelten in Expertenkreisen als realistisch. Im Jahr 2010, so prognostiziert die Unternehmensberatung McKinsey, werden die Einlagen und Investments für Islamic Banking eine Billion Dollar ausmachen.

London ist zwar heute das Europa-Zentrum dieses Bankkonzepts. Doch nun wollen die Franzosen nachziehen. So hat im Januar in Straßburg der erste Studiengang für islamisches Finanz- und Vertragsrecht begonnen. 33 Studenten aus Europa und Nordafrika, darunter zwei Deutsche, sind an der Ecole de Management in Straßburg immatrikuliert. Die Hochschule ist die Partneruniversität der Nürnberger WiSo. Bei «Islamic Banking« handelt sich um ein einjähriges Aufbaustudium für Absolventen mit Master-Diplom. Die meisten Studenten sind berufstätig. «Ihre Banken finanzieren oft den Aufbaustudiengang, um sich Spezialwissen ins eigene Haus zu holen,« sagt Prof. Michel Kalika, Direktor der Ecole de Management, der NZ. Im laizistischen Frankreich sollen demnächst die ersten islamischen Banken ihre Pforten öffnen.

In Deutschland gibt es noch vergleichsweise wenige Bankprodukte, die Islamic-Banking-Kriterien standhalten. Grund dafür sei, «dass der Großteil der Migranten in Deutschland türkischstämmig ist und Türken das westliche Bankwesen mit Zinsen praktizieren,« sagt Alaverdi Turhan der NZ. Der Sprecher für den Geschäftsbereich «Bankamiz« bei der Deutschen Bank, ein spezielles Angebot für türkischstämmige Migranten, meint, die Bank biete daher keine spezifisch islamischen Produkte an, sondern das normale Angebot der Deutschen Bank. Allerdings seien alle Berater zweisprachig, man trinke Tee beim Beratungsgespräch und biete Kreditkarten mit Istanbul-Motiv an.

Das vergleichsweise geringe Interesse von Migranten in Deutschland an Scharia-konformen Produkten – einzelne Offerten gibt es, auch bei der Deutschen Bank – bedeutet aber nicht, dass deutsche Banken mit Islamic Banking wenig am Hut haben. Das Gegenteil ist der Fall: Die Deutsche Bank ist mit ihrer Filiale im arabischen Emirat Abu Dhabi – woher die neuen Daimler-Investoren stammen – sehr aktiv im Islamic Banking. Durch die von dort aus gesteuerten Geschäfte ist sie zu einem der weltweit größten Emissionäre von islamischen Sukuk-Anleihen geworden. Das bestätigt Deutsche-Bank-Sprecher Frank Hartmann der NZ. Über die Größenordnung will man nicht sprechen. Ähnliches gilt für die Information, dass die Deutsche Bank als einer der großen Kreditgeber für islamische Banken weltweit gilt. Dass dies so ist, bestätigt der Sprecher aber ebenso wie das Engagement am europäischen Top-Standort für Islamic Banking in London, wo die Deutsche Bank sogar ein Forschungsinstitut für Islamic Banking mitfinanziert. Und sie fährt damit offenbar nicht schlecht. Die Bank ist laut eigenen Angaben derzeit die einzige Investmentbank weltweit, die weder auf Staatsfonds zurückgreifen noch Steuerzahler belasten müsse.

Buchtipp: Daniel K. Bergmann: Islamic Banking, books on demand, 150 Seiten, 17,95 Euro; Internet: bankamiz.de, www.islamic-banking-handbuch.de

Stephanie Rupp
1.4.2009
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