Nachrichten und Informationen aus FrankenNuernberger Nachrichten aktuellNuernberger Zeitung aktuell Der Onkel Doktor kommt wieder ans Krankenbett
   
NÜRNBERG PLUS  
Die AOK bietet ihren jüngsten Versicherten nun pädiatriezentrierte Versorgung

Der Onkel Doktor kommt wieder ans Krankenbett

 Der Onkel Doktor kommt wieder ans Krankenbett
Foto: Fröhlich
Bitte Bild anklicken!
Nach den Hausarztverträgen einigte sich die bayerische AOK vergangene Woche mit dem Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte auf einen eigenen Versorgungsvertrag, der bereits zum 1. April in Kraft trat. Er bringt für AOK-Versicherte von 0 bis 18 Jahren eine Reihe wichtiger Zusatzuntersuchungen und für die Kinderärzte etwas mehr Planungssicherheit.

Ärzte reden nicht übers Geld, sie haben genug davon. So denken viele Nicht-Mediziner. Die zahlreichen Protestmärsche, Praxisschließungen und Petitionen seit Beginn der Honorarreform Anfang Januar bringen die Kassenärzte in den Augen vieler, die sich gerade erst an die 15,5 Prozent Krankenkassenabgabe gewöhnt haben, noch mehr in Verruf. Der Vorwurf: Sie würden den Hals nicht voll bekommen, in Zeiten, in denen andere von Kurzarbeit und Hartz IV bedroht seien. Das schmerzt die niedergelassenen Mediziner. Denn viele von ihnen gehen nicht zuletzt für die bessere Versorgung ihrer eigenen Patienten auf die Straße.

Die Kinder- und Jugendärzte hatten in den vergangenen Monaten besonders starkes Bauchgrimmen. Seit ihr Honorar neu berechnet wird, scheinen die eigene Existenzsicherung und eine sorgfältige und damit auch zeitintensive medizinische Behandlung kaum mehr vereinbar. Anders als das Klientel der meisten Fachärzte werden vor allem Babys und Kleinkinder pro Quartal bis zu zehnmal vorstellig – mit hartnäckigen Mittelohrentzündungen, Darmgrippe, wundem Po oder Neurodermitis. Die Anzahl der Besuche ändert nichts an der Bezahlung des Pädiaters – bislang zirka 30 Euro – einerlei, ob er das Kind ein einziges Mal oder drei Monate lang täglich behandelt.

«Das ist die Flatrate für den Arzt», wie Dr. Michael Kandler es flapsig formuliert. Der Nürnberger Kinderarzt mit Schwerpunkt Neonatologie ist stellvertretender Vorsitzender von PaedNetzMittelfranken, einer Vereinigung für mehr Kompetenz in der Kinder- und Jugendheilkunde. Monatelang wetterte Kandler auf diversen Webseiten gegen die Gesundheitsreform, gegen die Schieflage beim Arzthonorar und den damit verbundenen Niedergang bei den Qualitätsstandards. Mit den in Deutschland im Schnitt üblichen acht Minuten für ein Patientengespräch kann der Mediziner nicht punkten. Schließlich muss er in wöchentlich über 50 Arbeitsstunden einen Spagat zwischen Erziehungsratgeber, Stillhelfer, Beichtvater, Pharmazeut, Gerätetechniker und Dolmetscher hinlegen. Zuhören gehört dabei zum Job. «Die Leute kommen vor allem dann wieder, wenn sie sich ernst genommen fühlen», hat Kandler festgestellt.

Seit vergangener Woche kann der Kinder- und Jugendarzt wieder etwas ruhiger schlafen. Der Grund: Die bayerische AOK hat nach monatelangen Diskussionen einen eigenen – pädiatriezentrierten – Versorgungsvertrag (PzV) mit dem Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) abgeschlossen (siehe Interview). Damit wird der Pädiater zum eigentlichen Hausarzt für Kinder und Jugendliche bis zum 18. Lebensjahr – eine Anerkennung des hochqualifizierten Wissens dieser Berufsgruppe und ihrer Eignung als «Lotse» für den gesamten Behandlungsweg. Nicht zuletzt auch eine Anerkennung, die sich bei der Honorierung bemerkbar machen wird.

Dr. Wolfgang Landendörfer, Kinder- und Jugendarzt im Stadtteil Mögeldorf, spricht von einer «win-win-Situation» für alle Beteiligten. Damit würden endlich auch solche Leistungen bezahlt, für die der Arzt bisher «nur Gottes Lohn» erhalten habe. Ein Lungenfunktionstest könne bei einem Kind unter Umständen eine halbe Stunde dauern, das Honorar dafür liege jedoch bisher bei 5,90 Euro. Landendörfer rechnet damit, dass sich ein Großteil seiner AOK-Patienten im neuen Vertrag einschreiben wird und dass es generell zu einem «gesunden Wettbewerb um die familienfreundlichste Krankenkasse» kommt.

Auch Dr. Michael Kandler hofft, dass die bayerische AOK Signalwirkung in anderen Bundesländern und bei weiteren Krankenkassen haben wird. Allein 40 Prozent der Patienten, die in seine Praxis in der Südstadt kommen, sind bei der AOK versichert. Diese können ab 1. Juli nicht nur festgeschriebene und kontrollierte Qualitätsstandards bei der Behandlung erwarten, sondern auch zusätzliche Präventivuntersuchungen wie ein Nierenscreening sowie Hör- und Sehtests bei Kleinkindern.

Schulkinder sollen besonders bezüglich Lese- und Rechtschreibschwächen, aber auch ihrer Mediennutzung unter die Lupe genommen werden. «Mit diesem Vertrag können wir noch gezielter auf die zunehmenden Gesundheitsprobleme von Kindern und Jugendlichen eingehen – zu nennen wären hier Übergewicht, Entwicklungsstörungen, Aufmerksamkeitsdefizite und auch die Gewaltbereitschaft von Jugendlichen», erläutert Heinz Reiniger, bayerischer Vorsitzender des BVKJ.

Die Teilnahme am PzV ist sowohl für die Ärzte als auch die Kinder freiwillig und kann auch wieder gekündigt werden. Versicherte in Bayern erhalten bis Mai einen schriftlichen Vordruck der AOK. Die Eltern unterzeichnen für ihre Kinder. Ab 16 Jahren dürfen die Jugendlichen selbst unterschreiben. Kinder, die bereits im Hausarztvertrag eingeschrieben sind, können zum Kinderarzt wechseln.

Neben der Forderung nach Fortbildungen und einer Mindestausrüstung in der Praxis – etwa einem pädiatrischen Notfallkoffer oder einem Sauerstoffmessgerät – rückt mit dem PzV auch der Servicegedanke stärker in den Vordergrund: Die teilnehmenden Ärzte werden nicht nur dazu angehalten, das Wartezeitenmanagement ernst zu nehmen, sie werden gleichzeitig dazu aufgefordert, die Terminvergaben arbeitnehmerfreundlich zu gestalten und sich vermehrt auch «zu Unzeiten» ihrer Patienten anzunehmen.

In den PaedNetz-Kinderarztpraxen wie denen der Doctores Landendörfer oder Kandler ist das bereits jetzt Standard: Der 47-jährige Kandler ist neben seinem gesundheitspolitischen Engagement auch noch als Asthmatrainer, Notfallarzt und Privatdozent tätig. Eine flexible Terminplanung ist für den zweifachen Vater, dessen Frau ebenfalls als Kinderärztin tätig ist, ein Muss. Sprechstunden am Freitagnachmittag sind bei ihm seit langem die Regel.

Eine letzte Vorsorgeuntersuchung – eine so genannte U5 – beginnt an diesem Freitag erst um 18.15 Uhr. Der fünf Monate alte Fabio kommt mit seiner Mama zur Vorsorgeuntersuchung. Nach einer ausführlichen Beratung zur Behandlung der Neurodermitis bei dem Kleinen beginnt für die Arzthelferin Laura-Fee und den Auszubildenden Patrick endlich der Feierabend. Der Kinderarzt packt allerdings gegen 22 Uhr noch einmal seinen Notfallkoffer, um einen letzten Hausbesuch an der südlichen Stadtgrenze bei einem mehrfach behinderten Zweijährigen zu machen. Der Verdacht auf Lungenentzündung bestätigt sich glücklicherweise nicht. Aber der Junge leidet an diesem Abend wiederholt unter Krampfanfällen, die seine Mutter ängstigen.

«Man ist hier mehrfach in der Verantwortung», sagt Dr. Michael Kandler, «beim Kind, bei den Eltern, beim eigenen Anspruch.» Statt wie bisher mit rund 20 Euro für den Nachtbesuch entlohnt zu werden, wird diese, der Definition nach hausärztliche Leistung mit dem neuen AOK-Versorgungsvertrag bald mit etwa 85 Euro honoriert. Zum Vergleich: Ein kurzer Besuch des Kundendienstes für ein Kopiergerät zu normalen Bürozeiten wird mit ca. 200 Euro in Rechnung gestellt.

Der PzV für AOK-Versicherte ist ein Anfang. Genesen wird der Patient Gesundheitswesen daran aber nicht.

Weitere Informationen zum Thema finden sich auch im Internet unter www.paednetz-mittelfranken.de und www.aok.de

Katharina Fröhlich
8.4.2009
Mehr vom aktuellen Tagesgeschehen lesen Sie in Ihrer Zeitung. Jetzt abonnieren Link auf ein externes Angebot
 
  © NORDBAYERN.DE