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Heidemarie Schwermer führt ein Leben ohne Geld

Wunschlos glücklich

59-Jährige war in Dreycedern — Tauschen und teilen
 Wunschlos glücklich
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Leben ohne Geld und dennoch wunschlos glücklich sein — Heidemarie Schwermer lebt es vor. Sie hat vor sechs Jahren jede Sicherheit aufgegeben, ihre Wohnung, ihren Besitz, ihren Beruf als Lehrerin und Therapeutin, sogar die Krankenversicherung hat sie gekündigt.

„Darf man denn das?“, wurde die 59-Jährige bei ihrem Vortrag im Haus der Gesundheit in Dreycedern gefragt. Ja, das darf man. Heidemarie Schwermers Vision ist ein Leben ohne Diskrepanz zwischen Arm und Reich.

Alles besteht im Geben und Nehmen, im Tauschen und Teilen. Wie bekommt man eine Brille ohne Krankenversicherung? „Ich habe mehrere Wochen die Katzen einer Optikerin gehütet, dafür hat sie mir die Gläser gemacht,“ berichtete sie.

Das Geld, das Heidemarie Schwermer mit ihrem Buch „Das Sterntalerexperiment. Mein Leben ohne Geld“ (Riemann-Verlag) verdiente, verteilte sie in Fünf-Mark-Stücken in der Dortmunder Innenstadt, was höchst unterschiedliche Reaktionen auslöste. Den Euro lehnt sie erst recht ab, nachdem sie gesehen hatte, wie eine Sendung Rohlinge mit Maschinenpistolen bewacht worden war.

Ihrer Meinung nach ist die Welt in ein Ungleichgewicht geraten. Wer Geld hat, ist nicht mehr zufrieden, sondern will immer mehr. „Geld schafft Trennung“, sagt sie, die ihr Leben so nicht geplant hat: Es hat sich so ergeben.

Nach dem freiwilligen Ausstieg hat Heidemarie Schwermer geputzt, Häuser in der gesamten Bundesrepublik gehütet, von Bayern bis zur Nord- und Ostsee. Ihre Bahncard hat sie als Honorar für eine Lesung bekommen, ihre Schuhe von einer Frau mit einem „Schuh-Tick“: Diese kauft sich die teuersten Schuhe, die ihr aber nicht passen, und so hat Heidemarie Schwermer inzwischen fünf Paar. Das seien zwei Paar zu viel, meint sie, drei Paar würden reichen.

In den ersten Jahren nach ihrem Ausstieg hat sie meditiert, über Gesundheitsprobleme und die Natur nachgedacht. Ihre beiden Kinder aus ihrer Ehe mit einem Chilenen finden es gut, dass ihre Mutter so lebt, wie sie es für richtig hält. „Ich bin eine Nomadin“, sagt das ehemalige Flüchtlingskind, das mit seiner Familie aus Ostpreußen fliehen musste.

Laden aufgebaut

Mittlerweile hütet sie keine Häuser mehr. Sie hat in Dortmund einen Wissenschaftsladen aufgebaut, und wenn sie gerade mal nicht auf Vortragsreisen ist, kocht sie für zehn Familien mit Zutaten, die sie kostenlos in einem Bio-Laden erhält. Im Gegenzug fegt sie den Laden durch oder verrichtet andere Arbeiten.

„Ich bin frei, frei von Sorgen, die Besitz mit sich bringt“, meint sie überzeugend und spricht auch von ihrer Gesundheit. Sie sei seit 20 Jahren nicht mehr beim Arzt gewesen und versuche stattdessen, ihr inneres Gleichgewicht zu finden und sich selbst zu heilen. So habe sie auch ihre Ernährung umgestellt: „Die meisten Zivilisationskrankheiten kommen erwiesenermaßen davon, dass wir übersäuert sind. Das ist der Nährboden für viele Krankheiten.“

Jeden Tag zwei Liter Wasser trinken, mit der Gesundheit in Eigenverantwortung umgehen, in sich stimmig sein, nennt sie als Rezept. Tauschen und teilen, loslassen können — einfach zu jedem Besuch sagen: Nehmt Euch mit, was Euch gefällt! Und wenn man das nicht kann, eine Kiste hinstellen mit Sachen, die überflüssig sind.

Ohne Wohnung heute hier, morgen dort schlafen — geht auch das? „Wenn mich einer fragt, was ich in zehn Jahren mache, dann frage ich zurück: Wissen Sie, was Sie in zehn Jahren machen?“

Sie will nicht kopiert werden, sagt Heidemarie Schwermer, sondern Mut machen und Impulse geben. Steuern empfindet sie als richtig und will auch ihren eigenen Beitrag dazu leisten. Allerdings nicht in der gängigen Währung, sondern in Form von Beratungsgesprächen, die sie dem Sozialamt in Dortmund anbietet. M. VOLLERTSEN-DIEWERGE
26.11.2002
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